Das Kamel
 

Die Kamele bilden eine Familie aus der Ordnung Paarhufer, Klasse Säugetiere, die die altweltlichen Großkamele (Gattung Camelus) und die zierlicheren südamerikanischen Kamele (Gattung Lama) umfasst. Wenn man von Kamelen spricht, meint man allerdings meistens die Großkamele, zu denen das einhöckerige Dromedar und das zweihöckerige Trampeltier zählen.

Merkmale: Kamele sind die einzige noch heute lebende Familie der Unterordnung Schwielensohler. Schwielensohler tragen ihren Namen wegen ihres eigentümlichen Fußbaues. An Vorder- und Hintergliedmaßen besitzen die Füße nur je zwei Zehen. Diese tragen keine Hufschalen, sondern gebogene Nägel, die die Vorderkante der Füße schützen. Die beiden ersten Zehenglieder ruhen auf einem bindegewebigen, elastischen Polster, welches als breite Sohlenfläche aufgesetzt wird - eine Anpassung an das Leben in der Wüste, die ein Einsinken in den Sand verhindert. Harte Kniepolster schützen die Tiere, wenn sie auf dem heißen Sand niederknien.

Araber mit einem Kamel blicken über die Wüste
© Corbis-Bettmann, New York

Schwielensohler sind Passgänger, das heißt, dass sie immer Vorder- und Hinterbein einer Körperseite gleichzeitig vorwärts setzen und deshalb schaukeln wie ein Schiff bei hohem Seegang. Als Passgänger besitzen sie keine Spannhaut zwischen Rumpf und Oberschenkel. Kamele wirken daher besonders hochbeinig.

Ein besonders auffälliges Körpermerkmal der Kamele ist der Höcker. Er dient jedoch nicht als Wasserreservoir - wie viele Menschen meinen - sondern als Fettspeicher, von dem die Tiere in Notzeiten zehren können. Ein Kamel ohne Höcker hat seine Fettreserven aufgebraucht.

Die großen Augen der Kamele mit dem sanften Ausdruck werden von einer doppelten Reihe langer Wimpern beschirmt, die einen guten Schutz vor Sandstürmen bieten, ebenso wie die Nüstern, die willkürlich geschlossen werden können.

Das zweihöckrige Kamel, das Trampeltier, kommt fast nur noch als Haustier vor. Entsprechend dem Steppenklima in seinem innerasiatischen Verbreitungsgebiet ist es gegen Kälte ziemlich unempfimdlich.
© Il mondo degli animali - Mondadori, Mailand

Klimaanpassungen: Kamele sind Tiere der Wüste. Zahlreiche Anpassungen waren erforderlich, um diesen extremen Lebensraum so erfolgreich zu besiedeln, äußerlich sichtbare und die inneren Körperfunktionen betreffende. Das Phänomen, dass ein Kamel wochenlang ohne Wasser auskommen kann, ist allgemein bekannt. Wenn aber genug Wasser zur Verfügung steht, kann ein Kamel die unvorstellbare Menge von 100 bis 150 Litern auf einmal trinken. Doch legt es auf diese Weise keinen Wasservorrat an, sondern füllt lediglich Wasserverluste auf.

Kamele müssen regelmäßig trinken.
© Il mondo degli animali - Mondadori, Mailand

Auch ein Kamel verliert mit dem Urin und Kot Wasser, doch ist sein Urin viel konzentrierter und der Kot wesentlich trockener als bei anderen Säugetieren. Andererseits kann ein Kamel größere Wasserverluste verkraften als vergleichbare Tiere: 40 Prozent seines Körpergewichts kann es an Wasser verlieren, ohne Schaden zu nehmen. Verliert ein Mensch hingegen mehr als 10 Prozent seines Körpergewichts an Flüssigkeit, so droht er an Herzversagen zu sterben. Denn wenn der Mensch schwitzt, wird das Wasser zu einem erheblichen Teil seinem Blut entzogen. Es dickt ein und verliert seine Fließfähigkeit. Beim Kamel wird das Wasser hingegen gleichmäßig dem ganzen Körper entnommen. Das Blut bleibt dünnflüssig und der Kreislauf funktionsfähig.

Noch eine weitere Klimaanpassung hilft dem Kamel Wasser sparen: Die meisten Säugetiere halten ihre Körpertemperatur ziemlich konstant bei 37 °C. Droht die Temperatur anzusteigen, muss gekühlt werden. Schweiß, das heißt Wasser, wird abgesondert, verdunstet und sorgt so für Kühlung. Dieser Mechanismus funktioniert im Prinzip auch beim Kamel so, setzt aber viel später ein, nämlich bei einer Körpertemperatur von 40 bis 42 °C. Außerdem können Kamele in den kühleren Nächten ihre Temperatur auf 34 °C absinken lassen und so gewissermaßen mit einem Kältevorrat in den heißen Tag starten.

Nahrung: Kamele sind auch hinsichtlich ihrer Nahrung sehr genügsam. Sie ernähren sich von harten, dornigen Pflanzen. Offenbar benötigen sie zu ihrem Wohlbefinden harte, faserige und bittere Pflanzenstoffe. Kamele käuen ihre Nahrung wieder. Ihr Magen ist jedoch einfacher gebaut als der der echten Wiederkäuer. Der Magen der Kamele besteht aus Pansen, Netz- und Labmagen. Die Schlundrinne ist in primitiver Form ausgebildet. Ein Blättermagen fehlt.


Das Dromedar (wissenschaftlicher Name: Camelus dromedarius) ist ein einhöckeriges Kamel und existiert heute nur noch als Haustier. Zum Haustier wurde es zwischen 4000 und 2000 vor Christus in Arabien.

 

Eine Herde Dromedare
© Il mondo degli animali - Mondadori, Mailand

Merkmale: Das Dromedar ist hochbeinig, der Rumpf hat eine länglich-runde Form, der Hals ist lang und wird nach unten durchgebogen getragen. Das wollige, krause Fell ist meist braun gefärbt, doch kommen zwischen Weiß und Schwarz alle möglichen Übergänge vor. Ober- und Unterlippen hängen an der Spitze über. Die Oberlippe ist gespalten, die schlitzförmigen Nasenlöcher können verschlossen werden. Im Nacken befindet sich eine Drüse mit zwei Ausführgängen, die vor allem beim brünstigen Hengst ein schmieriges, übelriechendes Sekret absondert. Eine große Hornschwiele befindet sich auf dem Brustbein, weitere Schwielen hat das Tier an Ellbogen, Handwurzel, Knie und Ferse. Die Brustschwiele bildet die Unterlage des liegenden Kamels. Der Höcker ändert seine Form je nach Ernährungszustand des Tieres. Sein Inneres besteht aus Binde- und Fettgewebe. Die Körperhöhe beträgt bis zu 2,1 m, das Gewicht bis zu 1000 kg. Verbreitung: Die wilden Vorfahren des Dromedars waren in Arabien und Nordafrika heimisch. Im letzten Jahrhundert wurden Dromedare in viele Länder gebracht, meistens als Reittiere. In Australien wurden sie bei der Erschließung der Wüstengebiete als Last- und Zugtiere eingesetzt und als sie nicht mehr benötigt wurden, sich selbst überlassen. Sie verwilderten, und heute existiert hier eine große Population von schätzungsweise 40 000 bis 80 000 frei lebenden Dromedaren. Es sind die einzigen wilden Dromedare auf der Erde und ihr Sozialleben ist für die Wissenschaft von besonderem Interesse. Lebensweise: Verwilderte Dromedare, die es nur in Australien gibt, leben in festen Verbänden, die aus einem Hengst, mehreren Stuten und ihren Nachkommen bestehen. Überzählige Hengste schließen sich zu Junggesellenrudeln zusammen oder leben einzelgängerisch. Die Gruppen schließen sich manchmal auch zu größeren Verbänden zusammen. Fortpflanzung: Die Paarungszeit fällt in die Monate Januar bis März. Die Hengste werden dann aggressiv, kämpfen mit ihren Rivalen und werden bissig gegenüber den Menschen. Bei ihren Kämpfen suchen Dromedarhengste einander mit den Hälsen niederzudrücken, nach den Beinen des Gegners zu beißen und ihn überraschend umzuwerfen. Die Stimme besteht zu dieser Zeit aus einem Gurgeln und Blöken. Außerdem knirschen Kamelhengste deutlich hörbar mit den Zähnen. Gelegentlich tritt auch eine knapp fußballgroße, rote Blase seitlich aus dem Maul hervor: der so genannte Brüllsack, der nichts anderes ist als das aufgeblähte Gaumensegel. Während der Brunft erzeugen die Hengste schaumigen Speichel, der wie Rasierschaum um das Maul verteilt wird und bei jäher Bewegung in Flocken durch die Gegend fliegt. Die Tragzeit dauert fast 12 Monate. Das Fohlen ist schon kurz nach der Geburt auf den Beinen und kann der Mutter folgen. Die Stute hat ein Euter mit vier Zitzen. Dromedarmilch ist mit 6,4% Fettgehalt fetter als Kuhmilch. Nach gut einem Jahr wird das Fohlen entwöhnt. Die Stuten werfen alle 2 Jahre. Weibliche Dromedare sind mit 3-4 Jahren geschlechtsreif, männliche Tiere mit 5-6 Jahren. Die Lebensdauer beträgt etwa 40 Jahre. Zuchtrassen: Vom Dromedar wurden zwei Rassen gezüchtet: Reitkamele und Lastkamele. Reitkamele sind groß, hochbeinig und leichter gebaut. Sie sind daher schnelle Läufer. Hinsichtlich ihres Wasser- und Nahrungsbedarfs sind sie sehr genügsam. Die Zucht edler Reitkamele wird mit ähnlicher Passion betrieben wie die Zucht von Rassepferden. Berühmt sind die Meharis aus Marokko und die von den Bischarin-Nomaden aus dem Nordsudan gezüchteten Reitdromedare. Sie können stundenlang laufen und an einem Tag bis zu 80 Kilometer zurücklegen - aber nur in dem ihnen eigenen schaukelnden Passgang. Beim Galopp ermüden sie schnell.

Lastkamele sind gröber und plumper gebaut als Reitdromedare. Die schwere Rasse wurde zum Lastentragen und als Zugtier vor Karren, Pflügen oder im Göpel der Schöpfräder gezüchtet. 150 Kilogramm kann ein Lastkamel stundenlang tragen, ohne schlapp zu machen. Auf kurze Entfernung schafft es sogar 400 Kilogramm.

 

Typisch für die Großkamele ist der waagerecht gehaltene Kopf mit der großen vorgezogenen Schnauze und der hoch stehenden Nase.
© Il mondo degli animali - Mondadori, Mailand

Das Trampeltier (wissenschaftlicher Name: Camelus ferus) ist ein zweihöckeriges Kamel. Als Wildtier kommt es nur noch in Restbeständen von wenigen hundert Tieren in der Wüste Gobi, in der Mongolei und in China vor. Zum Haustier wurde es schon vor 4500 Jahren gemacht. Merkmale: Das Trampeltier ist wuchtiger gebaut als das Dromedar. Kennzeichnend sind die beiden Fetthöcker auf dem Rücken. Neugeborene haben statt der Höcker nur deren leere Hüllen, die wie eine Falte auf dem Rücken liegen. Bei jungen, wohlgenährten Tieren stehen die Höcker aufrecht. Kranke, abgemagerte und ältere Kamele sind an ihren umgekippten oder schlaffen Höckern zu erkennen. Die Körperbehaarung besteht aus langer, krauser Wolle. Im Frühjahr löst sich der Behang in großen Fetzen ab. Nach dem Haarwechsel erscheint das Trampeltier fast nackt, so kurz sind die Haare des neuen Fells. Die Färbung ist meist dunkelbraun, doch kommen auch rötlichbraune und weiße Exemplare vor. Klimaanpassungen: Trampeltiere sind Bewohner der Kältesteppen Innerasiens. Der auffallende Fellwechsel ist eine Anpassung an extreme Kälte (bis -30 °C) des Winters und die große Hitze des Sommers. Kälte scheint das Trampeltier überhaupt nicht zu beeinträchtigen, während sommerliche Hitze seine Leistungsfähigkeit deutlich mindert. Wassermangel wird mehrere Tage lang ertragen. Das brackige Wasser der Steppenseen ist für Trampeltiere genießbar. Sie haben einen ausgesprochenen Salzbedarf, den sie an den Salzflächen ausgetrockneter Gewässer decken. Die breiten Sohlen verhindern dabei das Einsinken der Trampeltiere in losen Untergrund. Nutzung durch den Menschen: Das Trampeltier ist in erster Linie ein Lasttier. Aufgelegte Filzdecken schützen das Tragtier besonders im Sommer vor Druckstellen. Im Winter ist das üppige Fell ein guter Schutz gegen den Druck des Lastsattels. Frachten von 250 kg Gewicht werden in einem Tagesmarsch 30-40 km weit getragen. In einigen Teilen seines Verbreitungsgebietes wird das Kamel als Zugtier vor Wagen oder Schlitten gespannt. Fleisch, Haut, Wolle und Milch der Kamele werden verwertet. "Kamelhaar" stammt allerdings nicht von Kamelen, sondern hauptsächlich von asiatischen Fellziegen. Kameldung wird getrocknet und als Brennmaterial verwendet. Lebensweise: Vom Leben der wilden Trampeltiere ist wenig bekannt. Sie leben wohl in Familienverbänden wie die Dromedare.

Fortpflanzung: Die Paarungszeit dauert von Februar bis April. Die Kamelstute legt sich zum Decken hin. Der Deckakt dauert bis zu einer halben Stunde. Die vorausgegangenen Brunftkämpfe verlaufen ähnlich wie beim Dromedar. Nach einer Tragzeit von rund 13 Monaten wird ein, selten zwei Fohlen geboren. Trampeltiere sind im selben Alter fortpflanzungsfähig wie Dromedare, und sie haben auch etwa die gleiche Lebenserwartung.

Arten DROMEDAR TRAMPELTIER
wissenschaftlicher Name Camelus dromedarius Camelus ferus
Familie Kamele Kamele
Ordnung Paarhufer Paarhufer
Klasse Säugetiere Säugetiere
Körpermaße Kopf-Rumpflänge 3 m; Standhöhe 1,80-2,10 m; Gewicht 600-1000 kg Kopf-Rumpflänge 3 m; Standhöhe 1,80-2,30 m; Gewicht 600-1000 kg
Verbreitung Nordafrika, Vorderasien, in Australien eingeführt und verwildert als Wildtier in der Wüste Gobi, Mongolei, China
Lebensraum Wüsten und Halbwüsten Wüsten und Steppen
Lebensweise verwilderte Tiere in Familiengruppen aus einem Hengst, mehreren Stuten und ihren Jungen, Hengste auch Einzelgänger oder in Junggesellenrudeln wildlebende Tiere in Familiengruppen, wohl ähnlich wie Dromedar
Nahrung dornige Zweige, harte Blätter, Gräser und Kräuter wie Dromedar
Fortpflanzung nach einer Tragzeit von 12-13 Monaten ein Junges nach einer Tragzeit von 12-14 Monaten ein, selten zwei Junge
Höchstalter 40 Jahre 40 Jahre
Häufigkeit etwa 15 Millionen Haustiere; in Australien verwildert (etwa 40 000 -80 000) wildlebend vermutlich nur noch wenige hundert Tiere; als Haustier häufig (rund 2 Millionen)

Bertelsmann Lexikon Tiere (CD-ROM-Ausgabe), 1996.

B. Grzimek: Grzimeks Enzyklopädie Säugetiere, 1988.
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